21. Juli 2020

Quantitative Easing: häufig ignorierte langfristige Auswirkungen

Aykut Efe, Economist bei BCEE Asset Management, erörtert die möglichen langfristigen Auswirkungen der quantitativen Lockerung auf die Realwirtschaft.

Auf die äußerst entgegenkommende Politik der Zentralbanken, die Zinssätze sehr niedrig zu halten und den Staaten und Unternehmen astronomische – oder sogar unbegrenzte – flüssige Mittel zur Verfügung zu stellen, haben die Finanzmärkte stets mit Begeisterungsstürmen reagiert.

Die Rolle der Zentralbanken nach der großen Finanz- und der Coronaviruskrise war für die Erholung der Märkte grundlegend: Extrem niedrige, wenn nicht gar negative Zinsen auf kurz- und langfristige Staatsanleihen begrenzten die Auswahl der Anleger in Sachen Anlageklassen, was zu einem Anstieg der Preise auf dem Aktienmarkt geführt hat.

Abgesehen von diesem kurzfristigen Optimismus erscheint es jedoch interessant, ein wenig tiefer zu graben und sich mit den längerfristigen Auswirkungen dieser Politik auf die Realwirtschaft zu befassen.

Die Zombifizierung der Realwirtschaft

Der Begriff der „Zombiefirmen“ wird häufig bemüht, um das chinesische Wirtschaftsmodell zu kritisieren, das zum Teil auf ineffizienten Staatsbetrieben beruht. Diese Unternehmen sind laut OECD Firmen, die mindestens zehn Jahre alt sind und deren Zinsdeckungsgrad unter eins liegt.

Sie überleben dank Vorzugsfinanzierungen und Subventionen der staatlichen Banken, die auf Anweisung der öffentlichen Hand handeln. Auf einem allein vom Wettbewerb gesteuerten Kreditmarkt wären diese Unternehmen hingegen gezwungen, Kredite zu sehr viel höheren Zinssätzen aufzunehmen. Das würden die meisten wohl nicht überleben.

Kurz gesagt erwirtschaften diese Unternehmen nicht genug, um die Zinsen ihrer Schulden zurückzuzahlen.

Auch in liberalen Volkswirtschaften gibt es immer mehr solcher Firmen. Die Deutsche Bank geht davon aus, dass in den USA jedes fünfte Unternehmen eine Zombiefirma ist.[1] In den OECD-Ländern insgesamt ist ihr Anteil zwischen 1990 und 2015 von 1 auf 12% gestiegen. (Quelle: BIS)

 

Und solange das Niedrigzinsumfeld weiter besteht und die Zentralbanken Schulden der öffentlichen Hand und der Unternehmen aufkaufen, können diese Firmen sich weiter verschulden, um ihr Fortbestehen zu sichern.

Falsch verstandene schöpferische Zerstörung

Der vom österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter entwickelte Grundsatz der schöpferischen Zerstörung geht davon aus, dass (in Sachen Management, Produktion, Innovation, Finanzierung usw.) weniger effiziente Unternehmen ihre Marktanteile an dynamischere und effizientere Unternehmen verlieren. Produktivitätszuwächse gehen also auf Produkt- oder Prozessinnovationen zurück, was zu steigenden Umsätzen für die Unternehmen und ihre Angestellten führt.

Und genau diese wirtschaftliche Dynamik unterminieren niedrige Zinssätze: Ein Unternehmen, das dank unbegrenzter Kredite ad aeternam überlebt, hat keinen Anreiz mehr, nach anderen Möglichkeiten zu suchen, profitabler zu wirtschaften. Mittelfristig ist eine Stagnation der Produktivitätszuwächse auf makroökonomischer Ebene durchaus denkbar.[2]

 

 

Sicherlich ist es bei schweren Krisen sinnvoll, dass die Zentralbanken Staaten, Haushalte und Unternehmen unterstützen. Die große Krise und die Pandemie rechtfertigen den Einsatz gewaltiger Mittel. Es wäre jedoch schade, müssten wir dafür den Preis eines Effizienzverlusts auf makroökonomischer Ebene zahlen.Sicherlich ist es bei schweren Krisen sinnvoll, dass die Zentralbanken Staaten, Haushalte und Unternehmen unterstützen. Die große Krise und die Pandemie rechtfertigen den Einsatz gewaltiger Mittel. Es wäre jedoch schade, müssten wir dafür den Preis eines Effizienzverlusts auf makroökonomischer Ebene zahlen.

Sicherlich ist es bei schweren Krisen sinnvoll, dass die Zentralbanken Staaten, Haushalte und Unternehmen unterstützen. Die große Krise und die Pandemie rechtfertigen den Einsatz gewaltiger Mittel. Es wäre jedoch schade, müssten wir dafür den Preis eines Effizienzverlusts auf makroökonomischer Ebene zahlen.

Wie steht es nun um die Fähigkeit des Kapitalismus, sich neu zu erfinden, effizienteren und innovativeren Unternehmen Platz zu machen? Haben Unternehmen, die am Tropf hängen, Anreize, innovativ zu sein, um die notwendigen Produktivitätszuwächse zu erreichen, die es braucht, damit die Verbesserung des Lebensstandards, an die wir uns in den liberalen Volkswirtschaften gewöhnt haben, auch weiter möglich ist?

 


[1]https://www.washingtonpost.com/business/2020/06/23/economy-debt-coronavirus-zombie-firms/

[2] Banerjee, Ryan und Boris Hofmann. „The rise of zombie firms: causes and consequences.“ BIS Quarterly Review Spetember (2018).