Japans Wirtschaft und Unternehmen im Blickpunkt | Banque et Caisse d'Epargne de l'Etat, Luxembourg
21. Januar 2019

Japans Wirtschaft und Unternehmen im Blickpunkt

Marc Fohr, Head of Investments bei BCEE Asset Management, beleuchtet die wirtschaftliche Entwicklung in Japan und die Herausforderungen, denen sich das Land derzeit stellen muss.

Wie hat sich Japan als weltwirtschaftlicher Player entwickelt?

In den letzten zwanzig Jahren haben die japanischen Unternehmen eine erstaunliche Entwicklung vollzogen. Während sie zuvor noch hoch verschuldet waren und gravierende Defizite bei der Unternehmensführung aufwiesen, haben sie mittlerweile nicht nur ihre Bilanzen bereinigt, sondern auch ihre Corporate-Governance-Praktiken verbessert.

Eine wichtige Hilfe waren ihnen dabei die von der Regierung und der Finanzmarktaufsicht verordneten Strukturreformen: Diese haben zu größerer Transparenz, weniger politischer Einmischung und mehr Vielfalt in der Zusammensetzung der Führungs- und Aufsichtsgremien beigetragen (die einen leichten Anstieg der Anzahl weiblicher und ausländischer Mitglieder verzeichnen).

Traditionell sind die Wirtschaft und die Unternehmen Japans stark vom Außenhandel abhängig und somit besonders empfindlich für Wechselkursschwankungen der Landeswährung Yen.

Heute ist das durchschnittliche japanische Unternehmen deutlich besser aufgestellt, um mit ausländischen Wettbewerbern auf den Weltmärkten konkurrieren zu können: Nippons Firmen verfügen über solide Finanzen (mit einem oft positiven Netto-Cashflow), und ihre Führungsriegen sind gefestigter.

Ein schwacher Yen erhöht die Wettbewerbsfähigkeit japanischer Exportprodukte sowie den Wert der in Fremdwährungen ausgewiesenen Umsätze und führt damit indirekt zu deutlich verbesserten Unternehmenserträgen.

Diese Empfindlichkeit für Yen-Schwankungen wirkt wie ein natürlicher Schutz für Anleger, die auf japanische Unternehmen setzen: Während eine Abwertung des Yen zwar die in Euro umgerechnete Rendite eines auf Yen lautenden Portfolios mindert, verbessern sich hierdurch zugleich die Geschäftsergebnisse der Unternehmen, was ihrer Dividendenrendite Auftrieb verleiht.

Mit welchem Hauptproblem hat das Land heute zu kämpfen, und wie tragen japanische Unternehmen zu seiner Lösung bei?

Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene
Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene
Die demografische Entwicklung stellt die Hauptsorge für Japan dar. Zusammen mit den niedrigen Zuwanderungszahlen droht die rapide Alterung der Bevölkerung, das potenzielle Wachstum über mehrere Jahrzehnte hinweg auszubremsen. 2016 zählte Japan 65.692 Hundertjährige, während es 1963 bei der ersten offiziellen Zählung lediglich 153 waren. Wenngleich die Regierung viel unternimmt, um eine Antwort auf das Problem zu finden, entspricht die Situation im Land ganz dem allgemeinen demografischen Trend: Das Trägheitsmoment ist enorm, und Veränderungen vollziehen sich im Zeitlupentempo.

Doch alles hat auch seine guten Seiten: Trotz der hohen Belastung für das Sozialsystem ist die wachsende Anzahl an Senioren aus Sicht der Unternehmen eine große Chance, die abnehmende Nachfrage nach klassischen Verbrauchsgütern wettzumachen. Im Übrigen beweisen die Unternehmen einigen Einfallsreichtum bei der Entwicklung und Vermarktung eines breiten Spektrums an speziell auf Senioren zugeschnittenen Produkten.

Das Phänomen der alternden Bevölkerung ist nicht auf Japan beschränkt, und so verschafft die Spezialisierung auf diese neuen, seniorengerechten Produkte den japanischen Unternehmen einen Wettbewerbsvorsprung in einer Welt, die in weiten Teilen vom selben Problem geplagt wird.
Leader in den Technologie-und Dienstleistungsbereichen
Leader in den Technologie-und Dienstleistungsbereichen
Trotz dieser Tatsachen wächst das pro Kopf erzielte Einkommen regelmäßig, und die Arbeitslosenquote ist niedrig. Zudem ist Japan nach wie vor im verarbeitenden Gewerbe sowie im Technologiesektor führend und somit bis zu einem gewissen Grad gegen die Konkurrenz durch Billigproduzenten gewappnet. Und nicht zuletzt gibt es mit Spezialstählen, der Industrieautomation, der Unterhaltungselektronik und der Robotertechnologie eine ganze Reihe an Gebieten, auf denen japanische Unternehmen brillieren.

Welche Maßnahmen von internationaler Tragweite werden ergriffen, damit Japan in der Riege der weltweit führenden Wirtschaftsmächte verbleiben kann?

Vor dem Hintergrund eingeschränkter Möglichkeiten im eigenen Land, reichlich verfügbarer Liquidität und einer anerkannten Expertise im internationalen Handel ist heute wieder eine rege Fusions- und Übernahmetätigkeit zu beobachten, wobei es jüngst eine Reihe aufsehenerregender Transaktionen gab. Hier sind beispielsweise die (für über 60 Milliarden US-Dollar) geplante Übernahme von Shire durch Takeda, in der Halbleiterindustrie die Übernahme von IDT durch Renesas sowie die zahlreichen Transaktionen wie insbesondere der Erwerb ausländischer IT-Firmen durch Softbank zu nennen, für die der Konzern die stolze Summe von 100 Milliarden US-Dollar zurückgelegt hat. Angesichts der Realität der rapiden Umkehrung der japanischen Alterspyramide sind sich die Unternehmenschefs längst bewusst, dass Wachstumspunkte auf lange Sicht nur außerhalb eines Landes mit schwindender Erwerbsbevölkerung gewonnen werden können.

Analysten zufolge wird es künftig noch viel mehr Transaktionen dieser Art geben, denn sie erhalten längst nicht nur ein Geschäftsmodell am Leben, das im demografischen Kontext einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung eigentlich überholt ist: Vor allem sorgen sie für eine neue Dynamik, die es dem Land erlaubt, sich vom Druck auf die Margen zu befreien, der vom aktuellen Umfeld der Negativzinsen seitens der Bank of Japan ausgeht.

Der erbittert ausgetragene Konflikt zwischen China und den Vereinigten Staaten (Hauptstreitpunkte sind die Handelszölle, die Verletzung geistiger Eigentumsrechte, Protektionismus und die Blockierung von Fusionen und Übernahmen) könnte Japan neue Impulse verleihen, da China nun darauf angewiesen ist, seine politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu anderen großen Wirtschaftsmächten auszubauen, um die Einbußen beim Handel mit den USA zu kompensieren. Eins steht fest: Dank seiner Spitzenstellung im Technologie- und Fertigungssektor ist Japan hervorragend positioniert, um von diesen Entwicklungen zu profitieren.

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