31. Oktober 2019

Gespräch über die Finanzmärkte für das vierte Quartal

Marc Fohr, Head of Investments bei BCEE Asset Management, äußert sich zur aktuellen Wirtschaftslage.

In der Presse ist zu lesen, dass sich das globale Wirtschaftswachstum verlangsamt. Wie ist die Lage tatsächlich?

In den Vereinigten Staaten ist das Wachstum nach wie vor robust: Der Binnenkonsum und die öffentlichen Ausgaben sind dabei die treibenden Faktoren. Die Investitionen des Privatsektors und die Exporte wirken sich hingegen dämpfend aus. Der Zollstreit behindert den Welthandel. Die Unternehmen halten sich daher mit Investitionen zurück. Es scheint aber vernünftig, optimistisch zu bleiben: Die amerikanische Wirtschaft wird in diesem Jahr auf Kurs bleiben.

Die Arbeitslosenquote ist auf einem historischen Tiefstand (3,7 %), die Löhne und Gehälter steigen, und die Inflation hält sich in Grenzen.

 

Das Wirtschaftswachstum in Europa ist rückläufig. Es wird durch die Binnennachfrage stimuliert und durch die Exporte gebremst. Am Ende des zweiten Quartals 2019 war das dortige Wachstum von durchschnittlich 2,3 % (jährlich) auf 1,1 % gesunken. Innerhalb der EU heben sich die Länder im Osten ab: Ihre jährliche Wachstumsrate beträgt 3,5 % (baltische Staaten), und die Wachstumsrate in Ungarn, Polen und Rumänien liegt über 4 %. Im Norden machen die Niederlande, Dänemark und Finnland eine gute Figur. Bei den großen Volkswirtschaften ist das Bild gemischt: In Frankreich sieht es gut aus, Deutschland hingegen bewegt sich wieder im negativen Bereich.

Obwohl es den Volkswirtschaften nicht allzu schlecht geht, senken die Zentralbanken ihre Leitzinsen. Weshalb?

Dies ist als Vorsorgemaßnahme zu sehen. Die Idee hinter dieser Zinssenkung ist es, günstige finanzielle Bedingungen zu bewahren und zu verhindern, dass sich diese Bedingungen aufgrund einer höheren Volatilität auf den Finanzmärkten verschlechtern. Rückblickend hatten Anfang 2019 viele Analysten mit mehreren Zinserhöhungen gerechnet. Die anhaltend niedrige Inflation und die Unsicherheit aufgrund der Handelsspannungen haben die Zentralbanken dann aber zu einem diametralen Richtungswechsel veranlasst.

Die Fed hat zwei Zinssenkungen um 25 Basispunkte durchgeführt, und für eventuelle weitere Maßnahmen zeigt der Trend weiter nach unten. Da die Geldpolitik sich mit mehreren Monaten Zeitverzögerung auf die Realwirtschaft auswirkt, wäre es außerdem kontraproduktiv gewesen, vor weiteren Maßnahmen erst die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage abzuwarten.
Marc Fohr
Wie hat die Europäische Zentralbank (EZB) reagiert?
Wie hat die Europäische Zentralbank (EZB) reagiert?
EZB-Präsident Mario Draghi hat über eine Reihe wichtiger Änderungen informiert. Zunächst einmal wurde der Einlagenzinssatz von -0,4 % auf -0,5 % gesenkt, um einen Anreiz für die Banken zu setzen, mehr Darlehen zu vergeben und damit die Wirtschaft anzukurbeln. Weiterhin könnten die Banken von Maßnahmen profitieren, durch die nicht die Gesamtheit ihrer Einlagen von negativen Zinsen betroffen sind. Hinzu kommen eine Reihe von Änderungen bei den Programmen für gezielte langfristige Refinanzierungsgeschäfte. Schließlich wurde das Anleihekaufprogramm in Höhe von 20 Milliarden Euro pro Monat wieder aufgelegt und wird so lange laufen, wie es für notwendig erachtet wird.
Wie hat der Anleihenmarkt auf diese Maßnahmen reagiert?
Wie hat der Anleihenmarkt auf diese Maßnahmen reagiert?
An der Peripherie der EU sind die Zinsen eingebrochen. In Italien löste die politische Instabilität Volatilität aus, was dazu führte, dass die Risikoprämie länger brauchte, um zu sinken. Ein weiterer Faktor für die hohe Nachfrage nach Unternehmensanleihen ist die Renditesuche: Viele Versicherer und Pensionsfonds leiden unter den niedrigen Zinsen und müssen daher riskantere Vermögenswerte wählen als die mittlerweile überwiegend negativ verzinsten Staatsanleihen.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Anlagen in Aktien?
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Anlagen in Aktien?
Das Risiko ist im Wesentlichen politischer Natur: Der Konflikt über die Zölle und die unsichere Entwicklung beim Brexit sorgen für Volatilität auf den Aktienmärkten, denn die Verhandlungen können in unzählige Richtungen laufen. Es wird nur mit einem Gewinnwachstum pro Aktie von 2 % gerechnet, und wir sind der Meinung, dass auch dieser Konsens noch nach unten korrigiert werden wird. Wir sind uns bewusst, dass komplizierte Situationen auch immer Möglichkeiten mit sich bringen. Daher wählen wir einen defensiven Ansatz und versuchen, Nutzen aus der höheren Volatilität zu ziehen. Was die Sektoren betrifft, werden wir auch in Zukunft den Rohstoff- und Halbleitersektor meiden. Stattdessen setzen wir auf Kommunikationsdienstleistungen und Immobilien: Erstere haben den Vorteil, dass sie solide Werte (Mobilfunkbetreiber) und Wachstumswerte (Internetriesen) umfassen, letztere profitieren von ihrem defensiven Charakter, dem Niedrigzinsumfeld und den besonders attraktiven Bewertungen.

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Panorama Financier 2019-04