Gespräch über die Finanzmärkte für das erste Quartal | Banque et Caisse d'Epargne de l'Etat, Luxembourg
4. Februar 2019

Gespräch über die Finanzmärkte für das erste Quartal

Marc Fohr, Head of Investments bei BCEE Asset Management, äußert sich zur Situation an den Finanzmärkten.

Könnten Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage auf globaler Ebene für uns umreißen?

Seit unserem letzten Gespräch hat es keine wesentlichen Veränderungen des wirtschaftlichen Umfelds gegeben. In den Vereinigten Staaten hat es die prozyklische Steuerpolitik der Trump-Regierung erlaubt, den US-Haushalt und dessen Defizit in einer Phase wirtschaftlicher Expansion auszuweiten und damit die Konjunktur auf einem soliden Pfad zu halten: Die amerikanische Wirtschaft erweist sich zurzeit als äußerst standfest. Indes wird im Euroraum die Normalisierung der Zinsen ins Auge gefasst, was als Hinweis auf eine günstige gesamtwirtschaftliche Entwicklung zu deuten ist.

Welche Risikofaktoren könnten dazu führen, dass sich das Blatt wieder wendet?

Der wichtigste äußere Faktor ist politischer Natur
Der wichtigste äußere Faktor ist politischer Natur
Tatsächlich könnte die Unberechenbarkeit bestimmter politischer Akteure die Börsen in die Tiefe ziehen und die Volatilität befeuern. Ein Blick auf das internationale politische Geschehen genügt, um sich der möglichen Stolpersteine gewahr zu werden: Die Spannungen zwischen der Europäischen Union und Italien aufgrund der Haushaltspläne Roms rufen Unruhe hervor, der ungewisse Brexit-Ausgang und die Verhandlungen im Handelskonflikt sorgen für Nervosität und die Rückkopplungseffekte der Maßnahmen, mit denen sich die chinesische Regierung gegen die wirtschaftliche Abkühlung ihres Landes stemmt, werfen Fragen auf – ganz zu schweigen vom ständigen Wechselbad der Gefühle, das durch die erratische Kommunikation Donald Trumps ausgelöst wird.
All diese politischen Erschütterungen könnten die wirtschaftlichen Perspektiven ins Wanken bringen. Allerdings hat die Weltwirtschaft schon ganz anderen politischen Krisen getrotzt, und manche Teile der Wirtschaft sind solide genug, um weiter florieren zu können.

Wie wirken sich diese Risiken auf die Allokation aus?

Diese Faktoren haben uns bewogen, Vorsicht walten zu lassen und wieder zu einer neutraleren Positionierung überzugehen: Wir haben die Duration erhöht, uns von unserer negativen Einschätzung von Anleihen gelöst und uns für eine neutrale Haltung gegenüber amerikanischen Unternehmensanleihen bei gleichzeitiger Untergewichtung europäischer Corporate Bonds entschieden. Eine gefährliche Klippe gilt es dabei in unseren Augen trotzdem zu umschiffen: Das Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank, das die Bewertungsniveaus von Unternehmensanleihen in die Höhe getrieben hat, ist Ende Dezember ausgelaufen. Insgesamt sind wir sehr darauf bedacht, auf Qualität zu setzen, und verfolgen somit eine äußerst selektive Titelauswahl.

Ist vor dem Hintergrund der von Ihnen beschriebenen Gegebenheiten die defensivere Allokation ein Ausdruck der abwartenden Haltung, die an den Märkten zu beobachten ist? Viele sprechen von einer bevorstehenden Rezession – was sagen Sie dazu?

Über die Möglichkeit einer nahenden Rezession wird heiß diskutiert: Die amerikanische Zinskurve zeigt eine Tendenz, sich umzukehren, was ein Frühindikator für eine konjunkturelle Abschwächung ist. Über diesen durchaus realen Zusammenhang wurde viel Tinte vergossen.

Aus der von uns angestellten tiefgehenden Analyse ergibt sich jedoch eine eher geringe Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den kommenden zwölf Monaten. Der zeitliche Abstand zwischen dem Phänomen der Umkehrung der Zinskurve und dem Einsetzen von Rezessionen ist variabel, und letztere können von einer Vielzahl an Gründen ausgelöst werden.

Eine verlässliche Auskunft über künftige Rezessionen liefern Rezessionen der Vergangenheit somit nicht. Dafür ist die amerikanische Zinskurve jedoch ein hervorragendes Barometer für die Straffung der Geldpolitik eines Landes, die sich mit der Zeit wiederum auf die Realwirtschaft auswirkt. Darüber hinaus zwingt sie die Notenbanken zu Wachsamkeit und mahnt die Politiker zu größerer Achtsamkeit. Dieses Jahr steht wie kein anderes im Zeichen der Beobachtung und der Reaktivität: Unsere Priorität ist es, die Wirtschaftskennzahlen sehr genau zu verfolgen und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, um besonnen reagieren und unsere Anlageverwaltung bestmöglich anpassen zu können.

Panorama Financier 2019-01

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