7. August 2019

BoJos Mojo

Marc Fohr, Head of Investments, und Aykut Efe, Ökonom, unterhalten sich über die Wahl von Boris Johnson als Nachfolger von Theresa May.

Marc Fohr: Die konservative Partei hat ihre Wahl getroffen: Boris Johnson wird Premierminister. Etwa 160.000 Parteimitglieder hatten bis Montagabend die Möglichkeit, per Briefwahl abzustimmen. Von ihnen stimmten 92.153 Mitglieder für Boris Johnson, während sein Gegner, der Außenminister Jeremy Hunt, nur 46.656 Stimmen erhielt.  

Aykut Efe: In der Tat! BoJo, wie ihn die Medien nennen, übernimmt von nun an die Führung der konservativen Partei in Großbritannien, was ihn wahrscheinlich an die Spitze der Regierung befördern wird. Doch mal davon abgesehen, auch wenn er in seiner Partei mit 2/3 der Stimmen haushoch gewonnen hat, so erbt er doch ein zersplittertes Parlament. Mathematisch gesehen verfügen die Tories (die britische konservative Partei) und ihre Verbündeten in der DUP (die Abgeordneten der Nordirland-Partei) im britischen Unterhaus über 321 Stimmen. Denen stehen 317 Stimmen der Oppositionsparteien gegenüber, zu der die Labour-Partei (die britische Arbeiterpartei) gehört: Die Mehrheitsschwelle liegt bei 320.  

Marc Fohr: Das ist richtig! Und Boris Johnson scheint bei den Konservativen nicht unumstritten zu sein:

Sowohl der Justizminister David Gauke als auch der Finanzminister Philip Hammond haben deutlich gemacht, dass sie bereit sind zurückzutreten, falls Boris Johnson zum Premierminister gewählt wird. Ganz zu schweigen davon, dass Boris Johnson dort Erfolg haben muss, wo Theresa May versagt hat. Das heißt, dass er das Parlament überzeugen und hinter sich bringen muss. Der Sommer und Herbst versprechen schon mal viele Diskussionen und Verhandlungen zwischen den Parteien, innerhalb der Regierung und mit der Europäischen Union. 

Aykut Efe: Und diese Diskussionen dürften sehr lebhaft werden, denn Boris Johnson ist ein vehementer Verfechter des harten Brexits für den Fall, dass das Vereinigte Königreich und die Europäische Union keine Einigung über ein Austrittsabkommen erzielen. Er hat laut und deutlich klar gemacht, dass er am 31. Oktober aus der EU austreten möchte, egal ob mit oder ohne Vertrag. Dies scheint zwar im krassen Gegensatz zu der kontinuierlichen Verlängerungstaktik von Theresa May zu stehen, doch glauben wir, dass BoJo das Vertrauen des Parlaments gewinnen wird. Die Tories werden trotz allem der Regierung ihr Vertrauen aussprechen, denn sie möchten sicherlich nicht riskieren, eine mögliche vorgezogene Wahl zu verlieren.  

Marc Fohr: Es stimmt, dass Boris Johnson angesichts der derzeitigen Schlagzeilen über die politischen und wirtschaftlichen Sorgen noch viel Arbeit vor sich hat : der Handelskonflikt zwischen den USA und China treibt einen Keil zwischen die beiden Länder, das globale Wirtschaftswachstum geht zurück und die Fundamentaldaten bei den Aktien verschlechtern sich! Wie dem auch sei, die Finanzmärkte dürften sich beruhigen und auf jede Ankündigung reagieren, die eine der Parteien in den Verhandlungen macht. Was uns betrifft, so haben wir uns entschieden, uns von Aktien zu distanzieren, da die gerade erwähnten Sorgen noch anhalten werden. 

Aykut EfeDiese Entscheidung drängt sich in der Tat auf. Im derzeitigen Umfeld hat die Wahl von Boris Johnson das Risiko eines Brexits ohne ein Abkommen erhöht, da er die Union im Herbst um jeden Preis verlassen zu wollen scheint. Falls dieser Fall eintritt, droht ein Austritt unter den ungünstigsten Bedingungen tiefgreifende Folgen in einer Zeit zu haben, in der die Weltwirtschaft eine schwierige Phase durchläuft. Genau deshalb glauben wir, dass Boris Johnson seinen Kurs überdenken wird. Den Wachstumsprognosen des britischen Wirtschafts- und Sozialforschungsinstituts NIESR zufolge befindet sich das Vereinigte Königreich bereits in einer schwierigen Situation des wirtschaftlichen Stillstands, und die Chancen stehen eins zu vier, dass die Wirtschaft bereits in die Phase einer technischen Rezession eingetreten ist. Ganz zu schweigen davon, dass ein Austritt ohne Abkommen noch mehr Chaos schaffen und den bereits eingeleiteten Konjunkturabschwung verstärken würde. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wird der Brexit im Einklang mit der Europäischen Union und mit einem gemeinsamen Abkommen durchgeführt, was zu Wachstumsprognosen für 2019 und 2020 von etwa 1% führen würde, oder es findet ein ungeordneter Austritt statt, was eine Stagnation des Wachstums im Jahr 2019 sowie 2020 bedeuten würde, bevor dann 2021 eine Erholung erfolgt. 

Marc Fohr: Ganz genau! Es besteht kein Zweifel daran, dass die Stimmung der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit anhalten wird. In diesem Zusammenhang wird der Austritt Großbritanniens entweder durch die Vorder- oder die Hintertür der Europäischen Union im Großen und Ganzen auch von den Verhandlungskompetenzen des neuen Premierministers abhängen.